Ich will mehr davon!

Ich will mehr davon!

Ein schöner Ausflug nach Tihany und Balatonfüred, tolle Menschen und eine sehr intensive Diskussion

Vorneweg: Dies ist das erste Mal, dass ich mir vor dem Blogeintrag handschriftliche Notizen mache, um irgendwie meine Gedanken zu ordnen. Es hat zwar ein wenig Struktur geschaffen, trotzdem sind sie noch sehr verworren. 🙂

Starten wir mit den harten Fakten. Gestern durften wir an einem Ausflug nach Tihany, Balatonfüred und einem anschließenden Abendessen in Mersics Pincészet (dort, wo auch die Weinernte stattgefunden hat) teilnehmen. Vorgestern sind nämlich einige Teilnehmer der kommenden Konferenz „Follow the wind in Nagyvázsony II“ angekommen und deren Programm gestern bestand aus der Besichtigung der Städte sowie dem Abendessen. Die Teilnehmer sind alle ca. 25-30 Jahre alt, arbeiten meistens als EVS-Koordinator und kommen aus den verschiedensten Ländern z.B. Litauen, Italien, Estland und Großbritannien.

In einem Kleinbus sind wir also zusammen nach Tihany gefahren, eine sehr hübsche Stadt, die ich unbedingt nochmal besuchen möchte. Dort haben wir die wundervolle Aussicht auf den Balaton bestaunt und sind ein wenig durch den Park gebummelt. Irgendwann haben wir uns einfach auf eine Wiese gesetzt und uns unterhalten. Es macht mir sehr viel Spaß, mit Menschen aus anderen Ländern zu reden, was sie bewegt, was ihre Probleme sind, worauf sie stolz sind aber auch über ganz alltägliche Situationen, z.B. dass in Estland selbst eine Kugel Eis mit Karte bezahlt wird.

Noch spannender wurde es, als wir auf das Thema europäische Politik zu sprechen gekommen sind. Dabei ging es überhaupt nicht um Flüchtlinge, sondern vielmehr über den Rechtsruck und die Radikalisierung der politischen Mitte in den letzten Jahren und momentan auch ganz aktuell. Ich habe gemerkt, wie glücklich ich mich schätzen darf, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, in der die Freiheit der Meinung, der Presse und der Wahlen zu den essentiellen Grundrechten gehört und nicht so einfach abgeschafft werden kann.

Im Gegensatz zu Ungarn brauche ich keine Angst zu haben, dass meine Eltern ihre Arbeitsstelle verlieren könnten, wenn ich gegen die Regierung stimme.

Im Gegensatz zu Polen kann ich mir sicher sein, dass die Justiz unabhängig urteilt.

Im Gegensatz zu Italien wird Deutschland nicht von einem antieuropäischen Nationalisten regiert.

In Ungarn werden Nichtregierungsorganisationen (NGO) von der Regierung überwacht und reguliert, kritische Zeitungsblätter werden verstaatlicht, womit die Demokratie ausgehöhlt wird. Nicht nur die Situation in Ungarn, sondern auch in Polen, UK, Frankreich und Italien klingt ein wenig wie die deutsche Geschichte und ich bin erschüttert, dass dies gerade im Hier und Jetzt passiert. Ansonsten liest man über so etwas immer nur in der Zeitung und hört es in der Tagesschau aber wenn jemand davon erzählt, der es wirklich erlebt, ist es etwas ganz anderes.

Über diese Probleme haben wir uns also unterhalten und obwohl mein Englisch bei Weitem nicht das Beste ist, war ich doch erstaunt, wie gut ich mich ausdrücken konnte. Und mir (glaube ich) am besten an dieser Diskussion gefallen hat, war, dass sie authentisch war. Nicht so fade und dröge wie im Politikunterricht in der Schule, wo die Schüler nur das nachplappern, was in ihren Büchern steht, sondern mit einer echten Einstellung und Überzeugung.

Das gefällt mir, das interessiert mich und davon will ich mehr!

Ich hoffe, dass ich im kommenden Jahr noch öfter die Gelegenheit bekommen werde, an so etwas teilzunehmen.

Das Abendessen in der Weinkellerei war ebenfalls sehr schön. Aus Nagyvázsony ist extra für uns der Männergesangsverein gekommen und hat ungarische Volkslieder gesungen, natürlich mit viel Palinka und Weinschorle. Wir haben gegessen, getrunken, gelacht, philosophiert und interessanterweise war der Altersunterschied (ich bin mit Abstand die Jüngste) überhaupt nicht spürbar.

Leider war es für Harry ein wenig zu viel des Alkohols, sodass es ihm auf dem Rückweg gar nicht gut ging. Netterweise hat ihn Rita von der Bushaltestelle mit dem Auto nach Hause gefahren und Josef aus England von Harry’s Entsendeorganisation hat bei uns übernachtet. Diese Gelegenheit haben Josef und ich genutzt, um den Gin, den wir am Anfang in unserer Wohnung gefunden haben, zu leeren und noch bis 1:30 Uhr über Alter und Lebensziele zu sinnieren.

So, und heute dekorieren wir den Raum für die Konferenz, die morgen beginnt und auf die ich mich schon freue.

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