Jugendbegegnung in Spanien

Jugendbegegnung in Spanien

Zum Auftakt meiner Semesterferien hatte ich erstmal die Möglichkeit, das regnerische Passau zu verlassen, um das sonnige Spanien zu besuchen. Vom 23. Februar bis zum 29. Februar nahm ich nämlich an der Erasmus+ Jugendbegegnung „EmPLAYbilitiy – When finding a job becomes a stragedy game“ in der katalanischen Stadt Terrassa teil.

Was ist eine Erasmus+ Jugendbegegnung?

Bei einer internationalen Jugendbegegnung treffen sich Gruppen von jungen Leuten zwischen 12 und 30 Jahren aus mehreren Ländern für 1 bis 3 Wochen. Hier steht das gegenseitige Kennenlernen und der interkulturelle Austausch im Vordergrund. Die Jugendbegegnung steht meist unter einem politischen, gesellschaftlichen, geschichtlichen oder religiösen Thema, das während der Wochen diskutiert wird.

Was davor geschah

Schon zu Beginn des Jahres habe ich mir Gedankn darüber gemacht, was ich mit meinen Semesterferien anstellen könnte. Nach einiger Suche im Internet bin ich auf die Jugendbegegnung in Spanien gestoßen und habe mich sehr gefreut, als ich eine Zusage bekommen habe. Also hieß es, Koffer packen und auf nach Spanien!

100% Spanisch

Während der Jugendbegegnung waren die meisten von uns in Gastfamilien untergebracht, was für Jugendbegegnungen eher untypisch ist, da ansonsten die gesamte Gruppe zusammen in einem Selbstversorgerhaus oder Jugendherberge kocht, isst und schläft. Da in Terrassa allerdings kein solcher Ort exisitiert bzw. sich das Youth Hostel noch im Bauprozess befindet, wurde es mithilfe von Gastfamilien gelöst, während ein anderer Teil der Teilnehmer in einer gemieteten Wohnung übernachtet hat.

Auf diesem Weg bekam ich die Möglichkeit, in einer richtig spanischen Familie zu leben, was man ja auch nicht alle Tage geboten bekommt. Noch dazu eine so tolle Gastfamilie. Der Mann sprach ein sehr gutes Englisch, während seine Frau, die aus Venezuela stammt, nur wenig Englisch konnte, was allerdings nicht weiter schlimm war, da wir uns auch so verständigen konnte. Sie haben eine 17-jährige Tochter, die ebenfalls ein sehr gutes Englisch spricht. Am Sonntag haben sie mich sogar vom Flugahfen (ja, ich bin leider mit dem Flugzeug nach Barcelona gefolgen) abgeholt und mir gleich einen Haustürschlüssel gegeben, was ich total nett fand. Da ich jeden Tag ein sehr volles Programm von 9:30 Uhr bis 22:00 Uhr hatte, konnte ich leider nicht so viel Zeit mit meiner Gastfamilie verbringen, da sie natürlich arbeiten mussten. Dennoch habe ich mich sofort willkommen bei ihnen gefühlt und ich hoffe, sie kommen mich mal in Deutschland besuchen!

Sonntag, 23.03.2020 - Ankunft

In Terrassa angekommen, sind wir zuerst zur Wohnung der Familie gefahren, wo ich mein Gepäck abgestellt habe und dann zum gemeinsamen Abendessen mit den anderen Teilnehmenden im Zentrum von Terrassa gegangen bin. Dort habe ich zum ersten Mal die anderen Teilnehmenden getroffen. Insgesamt waren wir ca. 30 junge Menschen, jeweils sechs aus Deutschland, Großbritannien und Irland und der Rest aus Spanien. Zum Abendessen sind allerdings nur die nicht-spanischen Teilnehmer*innen gekommen und wir hatten ein leckeres, typisch katalanisches Essen.

Wir sind in Katalonien, nicht in Spanien!

Das war etwas ganz ganz Wichtiges, was mir gleich zu Beginn aufgefallen ist. Natürlich wusste ich durch die Nachrichten, dass Katalonien sehr stark nach Unabhängigkeit strebt, aber so extrem hatte ich es mir nicht vorgestellt. An vielen Balkons und in vielen Fenstern hingen katalansiche Flaggen und die gelben Schleifen, die ein Symbol der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung ist und an Politiker und Aktivisten*innen, die in Untersuchungshaft sitzen, erinnern. Auch die Sprache ist eine andere als Spanisch. Während ich zuvor dachte, dass es sich mit Katalanisch zu Spanisch so ähnlich wie mit Bayrisch zu Deutsch verhält, wurde ich schnell eines Besseren belehrt. Und in der drittgrößten Stadt Kataloniens spricht man eben Katalanisch und keine Spanisch. Doch hat das für mich sowieso keinen Unterschied gemacht, da ich beides nicht verstehe! 🙂 

Montag, 24.03.2020 - Der erste Tag

Die erste Aufgabe am Montag bestand für mich darin, den Weg zum Veranstaltungsort zu finden, was allerdings nicht allzu schwer war, da ich nur 30min geradeaus quer durch die Stadt laufen musste. Dort angekommen, war die gesamte Gruppe zum ersten Mal zusammen. Die Jugendbegegnung war Teil eines größeren Projektes, das hauptsächlich auf die Arbeitslosigkeit junger Spanier*innen abzielt. Nach der Jugendbegegnung gehen die Spanier*innen nämlich entweder nach Berlin, Bristol oder Cork, um dort ein dreimonatiges Praktikum zu absolvieren und dadurch hoffentlich bessere Chancen, einen Job zu finden bekommen. Als Erstes haben wir verschiedene Kennlernspiele gespielt, obwohl es bei so einer großen Jugendbegegnung echt schwierig ist, sich alle Namen zu merken. Als Nächstes wurde die spanische Organisation, La Vibria Intercultural, die die Jugendbegegnung hauptsächlich organisiert hat, vorgestellt und nach einer kleinen Session, in der wir uns auf gemeinsame Regeln während der Jugendbegegnung geeinigt haben, ging es zum Mittagessen.

Da wir unsere Workshops in dem erwähnten halb fertigen Youth Hostel veranstaltet haben und dort allerdings nicht essen konnten, sind wir für das Mittag- und Abendessen immer in eine Art Kulturzentrum mit Küche gegangen, das gleichzeitig auch die Cafeteria eines Seniorenheims ist.

Der Nachmittag war für eine Schnitzeljagd durch die Stadt Terrassa reserviert. Doch zuvor wurden wir noch offiziel im Rathaus als Gäste der Stadt empfangen. Danach ging es in vier verschiedenen Gruppen los und die Schnitzeljagd hat sehr viel Spaß gemacht; ich konnte es immer noch kaum glauben, dass ich im Februar durch die sonnig warmen Straßen Spaniens spaziere!

Erschöpft haben wir uns alle zusammen wieder um 19:00 Uhr zum Abendessen getroffen und den Abend mit verschiedenen Gesellschaftsspielen in einer sehr netten Bar namens Ateneu Candela ausklingen lassen. Wie es der Zufall so will, fand dort gleichzeitig das monatliche Treffen des Deutschlernclubs statt und die haben sich vielleicht gefreut, so unverhofft deutsche Muttersprachler zu treffen! 🙂

Dienstag, 25.03.2020 - Multikulti

Die spanische laissez-faire Mentalität und die Unpünktlichkeit ist ein Stereotyp aber sowie Märchen irgendwo einen wahren Kern haben, so hat auch dieses Vorurteil seine Ursprünge. Den Morgen haben wir jedenfalls eine halbe Stunde später als eigentlich geplant angefangen, was sich dann auch so bis Freitag durchgezogen hat, was mich als Deutsche zunehmend genervt hat, aber andere Länder, andere Sitten, zumal ich ja keine anderen Termine hatte. 🙂 Bis zum Mittag haben wir uns an vier verschiedenen Stationen mit den Fragen  „Wie erstelle ich einen guten Lebenslauf?“, „Was ist wichtig in einem Gruppeninterview?“, „Was lässt sich gegen Diskrimierung im Bewerbungsprozess unternehmen?“ und „Welche Soft Skills sind im Beruf wichtig?“ beschäftigt. Das hat Spaß gemacht und die eine Station war ein Escape-Room, wo die Hinweise immer in den soft skills versteckt waren.

Am Nachmittag haben wir uns weiter mit Diskriminierung beschäftigt und dabei ist mir aufgefallen, wie gut ich es doch in Deutschland habe, da ich bei der Arbeitssuche gar nicht von Diskriminierung betroffen bin, während es den irischen Teilnehmer*innen, die alle afrikanische Wurzeln haben, anders ergeht. Auch in Spanien werden Menschen aus Marokko, Tunesien, Algerien und dem Nahen Osten stark diskriminiert und es war interessant, sich mit einem Thema zu beschäftigen, über das ich sonst nicht viel nachgedacht hätte.

Vor dem Abendessen hatten wir ein wenig Freizeit, die ich mit ein paar anderen Teilnehmer*innen dazu genutzt habe, um noch ein wenig durch Terrassa zu spazieren. Nach dem Abendessen ging’s dann los mit dem interkulturellen Abend. Jede Gruppe sollte sein Land vorstellen und auch typisches Essen. Wir als deutsche Gruppe haben uns ehrlich gesagt nicht viel vorbereitet, aber unser improvisierter Sketch über den Alltag eines typisch Deutschen wurde zum Lacher des Abends. Es wurde ein schöner Abend und ich habe zum ersten Mal die schottische Spezialität haggis, gekochte Schafsleber, -herz, -leber und Zwiebeln, mit denen typischerweise eine Schafsmagen gefüllt wird, gegessen. Klingt ekeliger als es schmeckt…

Mittwoch, 26.03.2020 - Theater, Arbeitsmarkt und ein politischer Aschermittwoch

Mittwochmorgen habe uns zwei externe Frauen besucht, um mit uns den Workshop „The theater of the oppressed“ (Theater der Unterdrückten) durchzuführen. Das ist eine non-formale Bildungsmethode, die oft in der politischen Bildung eingesetzt wird und bei der das Publikum von einer passiven Rolle in eine aktive Rolle schlüpft. Ein sehr interessantes Konzept, was noch viel mehr bietet, hier der Wikipedia Artikel dazu. Nach einigen Aufwärmübungen ging es bei uns natürlich um Arbeit und zwar zuerst um den Prozess der Arbeitsuche und später um Konflikte in der Arbeit.

Nach dem Mittagessen hat jedes Land die Arbeitsmarktsituation in dem jeweiligen Land vorgestellt. Das war ganz interessant, zumal es von Menschen berichtet wurde, die selber mitten im System drin stecken.

Politischer Aschermittwoch goes Catalan: „Entierro de la sardina“

Nach dem Abendessen hatten wir einen freien Abend und zusammen mit ein paar anderen Teilnehmer*innen haben wir uns die Feier zum Ende des Karnevals in Terrassa angeschaut. Dabei sind wir auf die kuriose spanische Tradition, an Aschermittwoch eine Sardine zu verbrennen, gestoßen. Diese überdimensionale Sardine aus Pappmaché stirbt am Aschermittwoch, wird mit einem großen Umzug zu Grabe getragen und dann verbrannt. Währenddessen weinen die Witwer laut, heulen und trauern um die Sardine. Das Ganze nennt sich „Entierro de la sardina“ und keiner weiß so genau, woher dieser Brauch stammt. Von außen betrachtet ist das eine sehr skurile Veranstaltung, aber auch ziemlich witzig.

Wir haben uns also dem Umzug in der Stadt angeschlossen und sind mit Fakeln, den laut klagenden Menschen und Trommeln zum Stadtpark gegangen, wo schon eine Bühne aufgebaut war. Dort gab es dann kleine Schauspiel-, Tanz- und Gesangseinlagen, die ich allerdings nicht verstanden habe. Schließlich haben sie den Sarg der Sardine von der Bühne getragen und es folgten Reden, die eine Art Spottreden waren. Es wurde sich über Politiker, Rechtspopulisten, die Regierung, Trump, den Papst und das Coronavirus lustig gemacht und ähnelte stark dem deutschen politischen Aschermittwoch. Wer hätte gedacht, dass so etwas auch in Spanien existiert? Plötzlich gab es einen lauten Knall und der Sarg der Sardine ging in Flammen auf. Es kamen komische Gestalten mit langen Stöckern, an denen unzählige Feuerwerke und Silvesterknaller geknotet waren, die sie neben dem Sarg explodieren ließen. Dazu muss man erwähnen, dass der Sarg mitten in der Menschenmenge stand, aber ich denke, in Spanien nimmt man es nicht so ernst mit den Sicherheitsvorschriften. Abgesehen davon, dass sich alle erschrocken haben, ist auch keine zu Schaden gekommen und ich denke, so läuft es jedes Jahr ab. Schließlich kam dann noch der Tod, eine Mumie und irgendwann sind wir dann fast alle nach Hause gegangen, weil wir doch müde waren. Drei von uns sind allerdings noch länger geblieben und haben am nächsten Tag berichtet, dass es im Anschluss Musik, Tanz, Sardinenbrötchen und Wein für alle gab. Welch komische Tradition an Aschermittwoch!

Donnerstag, 27.02.2020 - Mein erstes Vorstellungsgespräch!

Unter all den Teilnehmern war ich die Zweitjüngste und wohl auch eine derjenigen, mit den wenigsten Arbeitserfahrungen. Zumindest hatte ich noch nie ein wirkliches Bewerbungsgespräch. Deswegen war es eine gute Erfahrung als wir in dem Workshop am Donnerstagmorgen Vorstellungsgespräche simuliert und geübt haben. Es gab drei Stellen, einmal die erste Arbeitserfahrung, Teilzeitjob und Projektkoordinator. Das Arbeitsfeld konnte man sich selbst aussuchen, je nachdem, in welchem Bereich man arbeitet oder studiert. Nach drei Runden wurde der Interviewer und der Interviewter gewechselt, sodass man auch in die Rolle des Interviewers geschlüpft ist. Dieser Workshop war sehr hilfreich für mich und auch dass alles komplett auf Englisch war, war eine gute Erfahrung.

Für den Nachmittag war ein Ausflug nach Barcelona geplant, das 40 Minuten mit der S-Bahn von Terrassa entfernt liegt. In Barcelona sind wir die Ramblas herunter zum Meer gegangen und dann links zum Stadtteil Barceloneta und zum Strand abgebogen. Bei Sonnenschein saßen wir dann am Meer, haben die Füße ins Wasser gehalten und Gruppenspiele gespielt. Am Abend haben wir zusammen Tapas gegessen, die sehr lecker waren. Da Barcelona aber noch viel mehr ist als Tapas und Strand, war ich froh, noch zwei Tage nach der Jugendbegegnung länger in Barcelona zu bleiben.

Freitag, 28.02.2020 - Sangria zum Abschluss

Schon war es der letzte Tag der Jugendbegegnung. Zum Abschluss war es im letzten Workshop unsere Aufgabe, kleine Videos zu erstellen, in denen wir unsere Diskussionen zu den Themen Lebenslauf, Jobsuche allgemein, Diskriminierung und Jobinterview zusammenfassen sollten, die bald auf den Youtube Kanal der spanischen Organisation La Vibira hochgeladen werden.

Am Nachmittag haben wir die gesamte Woche reflektiert und evaluiert, unsere Youthpass-Zertifikate erhalten und wie bei gefühlt jedem Seminar mit Dixit-Karten den offiziellen Teil der Jugendbegegnung beendet. Dabei liegen viele verschiedene Dixit-Karten, die unterschiedliche Illustrationen zeigen auf dem Boden, jeder sucht sich eine aus, erklärt warum er/sie diese Karte ausgewählt hat und wie er/sie sich dabei fühlt. Ich habe das Spiel bei meinem Vorbereitungsseminar, bei meinem On-Arrival, während des Mid-term trainings, bei dem Abschlussseminar und auf den EuroPeers Veranstaltungen gespielt, aber ich mag es sehr gerne. 🙂

Das Abendessen war toll. Es gab wieder Tapas und sogar eine Schüssel mit badewannenähnliche Ausmaße hatte voll Sangria. Nach dem Abendessen ging es um 23:00 Uhr zum nächstgelegenen Klub, allerdings habe ich mich ausgeklingt in Rücksicht auf meine Gastfamilie und weil ich am nächsten Tag nicht um 12:00 Uhr aufstehen wollte.

Samstag, 29.02.2020 - Auf den Spuren der Textilindustrie

Am nächsten Morgen hatte ich endlich die Gelegenheit, mich länger mit meiner Gastfamilie zu unterhalten, über Reisen, über Erasmus+, über Katalonien, über typisch spanisches Essen und über das Leben im Ausland. Der eigentliche Plan für Samstagmorgen war es, gemeinsam einen Ausflug zum Berg Monserrat, allerdings war dann meine Gastfamilie doch verhindert, sodass ich kurzentschlossen das Museu de la ciènca i de la tecnica de cataluna in Terrassa besucht habe. Ich hätte ja nicht gedacht, dass ich mal von alleine auf die Idee komme, ein Museum zu besuchen, aber da mein letzter Museumsbesuch schon seeeeeehr lange zurückliegt, hatte ich Lust auf das Museum. Und es hat wirklich Spaß gemacht, da das Museum interessant und interaktv gestaltet war. Es befindet sich im riesige Gebäude der ehemaligen Industriefabrik in Terrassa und führt Ausstellungen zur Energie (Wind, Wasser, Gas, Öl, Elektrizität), Textilherstellung in der Fabrik sowie weitere temporäre Ausstellungen wie zum Beispiel über Raumfahrt, der Mensch, Innovationen der Zukunft und die Geschichte des Computers. Insgesamt habe ich ungefähr drei Stunden in dem Museum verbracht, das außer mir vielleicht noch zehn weitere Personen besucht haben, ich hatte also die Ausstellungsflächen fast ganz für mich alleine.

Schließlich habe ich um 14:00 Uhr den Zug nach Barcelona genommen. Da es nämlich möglich ist, zwei Tage vor oder nach der Jugendbegegnung an- oder abzureisen, habe ich meinen Flieger erst am Montag, den 02.03 gebucht, was auch günstiger war. Die restlichen zwei Tage habe ich Barcelona verbracht, um ein wenig die Stadt zu besuchen. Wie ich durch die engen Gassen Barcelonas geschlendert bin, kannst du hier lesen.

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