Mit dem Orchester in Bulgarien

Mit dem Orchester in Bulgarien

Das Veszprémer Jugendblasorchester

Seit November spiele ich in der nächsten Stadt Veszprém in einem Jugendblasorchester, dem Veszprémi Ifjúsági Fúvószenekar. Dazu gekommen bin ich, indem ich ein Mädchen aus der 8. Klasse, welches im Orchester spielt, gefragt habe, ob ich mal mitkommen kann. Da der Mangel an Tubaspieler auch in Ungarn herrscht, wurde ich dort mit offenen Armen empfangen, weil ich die einzige Tubaspielerin im Orchester bin. Die Mitglieder des Orchesters sind alle zwischen 12 und 18 Jahre alt, also ein Jugendorchester, weshalb auch das Niveau dementsprechend ist. Das finde ich für mich persönlich ein wenig schade, zumal ich die ganzen Stücke schon vor sechs Jahren in der Bläserklasse gespielt habe, sodass ich im Orchester eher nicht gefordert bin. Jedoch bin ich super glücklich über die Möglichkeit, im Orchester spielen zu können, wann immer wann ich möchte zum Tuba- oder Klavierüben zu kommen und ganz nebenbei viel Ungarisch zu üben.

Das ganze wurde von einer Orchesterreise nach Bulgarien vom 01.06. – 06.06 gekrönt. In der Nähe von Varna am Schwarzen Meer fand das diesjährige Jugendfestival der Europäischen Musikschulen „The Power of the Song“ statt, an dem wir teilgenommen haben. Witzig daran ist, dass die Orchester, in denen ich in Deutschland gespielt habe, seit fünf Jahren eine Auslandsreise versuchen, was allerdings nie geklappt hat. Aber kaum bin ich in Ungarn, fahre ich mit dem Orchester nach Bulgarien. 🙂
Im Vorfeld wurde natürlich viel Werbung für Unterstützer und Sponsoren gemacht u.a. war auch das Benefizkonzert ein Teil davon. So ist der Teilnehmerbeitrag von 90.000 HUF/277€ auf 50.000HUF/155€ pro Person gesunken, was für deutsche Verhältnisse für sechs Tage ziemlich günstig ist.

Die Reise beginnt

Unter all der Vorfreude ging es am Samstagmorgen um 5:30 Uhr an der Musikschule los. Die Instrumente und Koffer wurden in den Bus eingeladen und alle Eltern (außer meine XD) haben fleißig gewunken. Vom Veszprém nach Varna sind es ungefähr 1300km und mit dem Bus haben wir insgesamt Stunden 24h gebraucht. Da es allerdings ein Gesetz verbietet mit Kindern während der Nacht zu reisen, mussten wir einen Zwischenstopp in Sofia machen, wo wir eine Nacht im Ibis Hotel übernachtet haben.

10 Stunden an einem Tag im Bus sind ganz schön anstrengend, weil man den ganzen Tag nur im Sitzen verbringt. Schön fand ich, dass wir keinen übertriebenen Luxusbus mit WIFI, WC, Kaffeevollautomaten usw. hatten, sondern einen ganz einfachen Reisebus. Während der Fahrt haben wir uns unterhalten, ungarisch bzw. deutsch gelernt, eine ungarische Komödie auf dem uralten Fernseher des Buses geschaut, gelesen und Stadt, Land, Fluss gespielt.

Ein Hoch auf den Schengenraum!

Da wir einmal quer durch Serbien und Bulgarien gefahren sind, wurde mir bei der Grenze wieder bewusst, welchen Luxus wir in Europa mit der Reisefreiheit haben. An der Grenze hat es immer zwischen 30 und 60 Minuten gedauert, ehe wir auf der ungarischen bzw. bulgarischen Seite und danach noch auf der serbischen Seite passieren durften. Auch wenn wir nur mit dem Bus durchgefahren sind, war es in Serbien mein erstes Mal außerhalb der EU. Landschaftlich sehen Serbien und Bulgarien nicht viel anders aus als Ungarn. Auch dort wachsen Holunderbüsche, die im Übrigen gerade blühen. 🙂 In Belgrad sowie Sofia stehen viele alte und unglaublich hässliche Häuserblocks und auch in den ländlichen Regionen gibt es viele Häuserruinen. Vom deutschen Standard gewöhnt, fande ich das super interessant und traurig zugleich. Ist es nicht unfair, dass es so einen großen Unterschied zwischen Ost-und Westeuropa gibt?

Nach einer Nacht in Sofia sind wir früh morgens am 02.06 weiter nach Osten in Richtung des Schwarzen Meeres gefahren. Ich war überrascht, dass Istanbul schon ausgeschildert war, aber so weit ist es von Bulgarien nach Istanbul gar nicht mehr… Irgendwann sind wir dann endlich an der Küste des Schwarzen Meeres angekommen, von wo wir aus noch zwei Stunden nach Norden fahren mussten. An der Küste bot sich uns ein wundervoller Ausblick auf das Meer sowie auf die Berg- und Hügellandschaft. Zugleich aber ist dort auch die Touristenhochburg, d.h. mit vielen Hotelklötzen, abgegrenzten Resorts und große Schwimmbäder. Außerdem sind mir noch die vielen Häuserskelette aufgefallen, die irgendwann mal zu bauen angefangen wurden, aber nie beendet wurden. Warum ist mir ein großes Rätsel, denn selbst das Geld ist dadurch aus dem Fenster geworfen.

Endlich angekommen!

Am Nachmittag sind wir dann endlich an unserer Unterkunft und zugleich Veranstaltungsort des Festivals, dem Kamchia Resort, angekommen. Da ich noch nie in einem Hotelresort war, dachte ich, dass es dort sehr edel zugeht und das tut es in den jeweiligen Hotels auch, aber sobald man das Hotelgelände verlässt, sieht es aus wie im wahrscheinlich restlichen Bulgarien. Das heißt schlechter Zustand der Straßen, verlassene Hütten, Straßenhunde und Müll überall. Ich hatte das Gefühl, dass die Geschäft vor 20 Jahren dort geboomt haben, aber nun die Gäste fehlen, weshalb alles nach und nach verfällt. Jedoch hat mich das ganze Erscheinungsbild nicht besonders gestört, da ich es so viel interessanter finde, als wenn alles topmodern glänzt und nichts mehr mit dem eigentlichen Land zu tun hat. Jedoch hat ein Urlaub in einem Hotelresort eh nichts mehr mit den Land an sich zu tun und ich finde solch eine Art von Urlaub unsinnig. Das nur nebenbei. 🙂

Das Musikfestival „The Power of the Song“

das Plakat zum Festival

Aber zurück zur Bulgarienreise. Nachdem wir das Gepäck aus dem Bus ausgeladen und unsere Zimmer bezogen haben, ging es zur Eröffnungsveranstaltung des Festivals nach Varna. Nach der langen und anstrengenden Hinreise im Bus wollte niemand von uns mehr einen Bus von innen sehen, aber da es 20km bis nach Varna sind, hatten wir leider keine andere Wahl, als mit dem Bus dorthin zu fahren. Die Eröffnungsveranstaltung selbst fand auf einer Freilichtbühne statt und alle Teilnehmer des Festivals waren eingeladen. Es gab einige Reden und Vorführungen einzelner Musik-und Tanzgruppen, sowie den eigen komponierten Festival-Song. Entgegen meiner Erwartungen, dass Teilnehmer aus ganz Europa am Festival teilnehmen, (es heißt ja schließlich europäisches Festival) kamen die meisten Gruppen aus Bulgarien. Außerdem gab es noch ein Zither-Orchester aus Ungarn, sowie jeweils eine Gruppe aus Slowenien, Tschechien und Polen. Bei den Ansagen und Reden gab es zwar immer eine englische, jedoch aufgrund des harten bulgarischen Akzentes nicht verständliche Übersetzung, aber ansonsten war alles auf bulgarisch, z. B. der aushängende Ablaufplan.

Bei der Eröffnungsveranstaltung sowie bei den zwei Konzerten hatten wir immer unsere Orchester-T-Shirts an, was ein richtiges Gruppengefühl aufkommen ließ. Gerade auf so einem Festival finde ich es besonders schön, Teil einer Gruppe zu sein. Und mit einer ungarischen, also für mich eigentlich auch ausländischen Gruppe in Bulgarien, also auch im Ausland zu sein, ist nochmal etwas ganz Besonderes. 🙂 Nachdem die Eröffnungsveranstaltung zu Ende war, sind wir zurück zum Hotel gefahren, haben Abendessen gegessen und sind als es schon dunkel wurde, zum Strand gegangen. Später ging es dann ins Bett, denn am nächsten Tag sollte unser erstes Konzert stattfinden.

Montag, 03. Juni 2019

Im Vergleich zu anderen Orchesterfahrten, an denen ich bisher teilgenommen habe, ging es diesmal ganz entspannt zu. Zum Beispiel sind wir jeden Tag erst um 8:00 Uhr aufgestanden und Frühstück gab es um 9:00 Uhr. Danach stand am Montag erst einmal eine Bootsfahrt auf dem nahegelegenen Fluss Kamchia an. Auf drei Boote aufgeteilt sind wir einmal den Fluss hoch und wieder runtergeschippert. Was mir auf dem gesamten Gelände aufgefallen ist, dass alles nur auf Bulgarisch war. Bei einem Gelände, das hauptsächlich nur für Touristen gebaut wurde, sollte man ja meinen, dass es sehr international ausgerichtet ist, aber das war es überhaupt nicht, denn noch nicht einmal die Rezeptionistinnen sprachen eine Fremdsprache. Dementsprechend gab es eine kleine Miskommunikation beim Bootfahren, wie viele Personen wir sind, aber es hat sich alles geregelt.

Nach der Bootstour, haben wir ein wenig im Hotelfoyer unsere Stücke geprobt, bevor wir uns umgezogen haben und über die Straße zum Konzertort gegangen sind. Das Konzert fand in einer Art Mischung aus Kino und Theatersaal statt, sodass die Akustik meiner Meinung nach sehr gut war. Auch das Konzert an sich war ziemlich gut, zumal ich nicht die einzige Tuba war, sondern für Bulgarien ist noch ein anderer Tubaspieler mitgekommen. Es hatte also ordentich Wums.

Nach dem Mittagessen, hieß es dann ab zum Strand, um im Meer zum baden. Obwohl man eigentlich nicht wirklich schwimmen konnte, denn das Wasser war ziemlich flach. Trotzdem hatten wir viel Spaß mit den Wellen. Außerdem haben wir viel Volleyball gespielt und das hat mir ganz besonders gut gefallen, da man dafür auch keine Sprache braucht. 🙂

Ein super Abend

Danach gab’s um 20:00 Uhr Abendessen und der Abend war frei für uns alle. Im Hotelfoyer hat ein Animationsteam sein Bestes gegeben, um die jüngeren Kinder zu unterhalten, während im Amphitheater des Komplexes eine Party für die Älteren organisiert wurde. Allerdings hat unser Zimmer die Party leider verpasst, da wir uns in der Uhrzeit geirrt hatten und eine halbe Stunde zu spät am Treffpunkt waren. 😀 Also sind wir dann zusammen mit dem anderen Tubaspieler und der Posaunenaushilfe zum kleinen Supermarkt um die Ecke gegangen und haben Bier gekauft. Obwohl die meisten Orchestermitglieder um die 14 Jahre alt sind, ist Evelins Schwester Leila schon 18 Jahre alt und da man in Ungarn erst ab 18 überhaupt Alkohol trinken darf, haben sich die anderen mit Cola begnügt. Zusammen haben wir uns dann zu den Erwachsenen, sprich der Leiterin des Orchesters inkl. Ehemann, dem Dirigenten inkl. Ehefrau sowie unserer Übersetzerin gesetzt. Da sie schon früher mit dem Alkohol angefangen hatten, wurde es dementsprechend sehr lustig. Und siehe da, auf einmal haben sie alle Englisch und/oder Deutsch gesprochen! Die Gespräche waren sehr interessant, ich habe ein paar Mal erklärt, was ich in Ungarn mache, warum ich gerade nach Ungarn gekommen bin, wie es mir hier gefällt, was ich danach mache, seit wann ich Tuba spiele, wie ich auf das Orchester aufmerksam geworden bin usw. und ich habe mich sehr über das Interesse gefreut. Irgendwann wurde ich auch gefragt, was mir in Ungarn nicht gut gefällt und da habe ich u.a. geantwortet, dass in Ungarn viel von der EU finanziell gefördert wird, aber keiner der Ungarn die EU zu mögen scheint. Sehr interessant fand ich darauf die Antowrt eines 12-jährigen Jungen: „Das sind nicht wir. Das ist Orbán.“ Nach noch mehr solcher tiefsinnigen Gespräche, sind wir schließlich um 2:00 Uhr ins Bett gegangen.

Das Essen und Trinken

Was mir an der Bularienfahrt leider nicht gefallen hat, war das Essen im Hotel. Die Auswahl beschränkte sich nämlich oft nur auf Weißbrot, Ei, Fleisch, Fisch und Kartoffel in jeglicher Form während Obst und Gemüse keine Hauptrolle gespielt haben. Zudem war das Leitungswasser kein Trinkwasser und wenn man das seit 19 Jahren gewöhnt ist, ist diese Tatsache eine echte Einschränkung! Wir wissen nicht, ob es am Essen oder Trinken liegt, aber auf jeden Fall ging es am nächsten Tag, Dienstag, einigen Leuten nicht gut, darunter auch ich. Deshalb habe ich die Probe vor dem zweiten Konzert ausgesetzt, aber da ich das Konzert natürlich mitspielen wollte, habe ich das auch getan. Am Nachmittag jedoch habe ich dann drei Stunden geschlafen. 🙂

Volkstanz in Osteuropa

Nach unserem zweiten Konzert, was ebenfalls gut war, hatten wir noch ein wenig Zeit, uns die anderen Gruppen anzuschauen, die überwiegend Volktanzgruppen waren. Ich muss sagen, ich war ziemlich beeindruckt von der Präzison und Synchronität mit der die einzelnen Gruppen ihre zum Teil ziemlich komplexen Tänze vorgeführt haben. Den Ungarn hingegen hat es zwar auch gefallen, allerdings waren sie nicht so beeindruckt wie ich, wahrscheinlich, weil sie es schon vom ungarischen Volkstanz gewöhnt sind. Für mich aus Niedersachsen kommend, wo es so gut wie keinen Volkstanz gibt, sind die Osteuropäischen Tänze etwas besonderes und ich fand es sehr interessant.

Nachdem ich mich ausgeschlafen hatte, sind wir am späten Nachmittag nocheinmal zum Strand gegangen, wo wir unser Volleyballspiel fortgesetzt haben. Nach dem Abendessen haben wir ein paar Runden Werwolf gespielt oder wie die Ungarn es nennen „Gyilkos“, was Mörder bedeutet. Wenn du es nicht kennst: es ist ein Spiel, bei dem man viel diskutieren musst, also nicht unbedingt das Beste, wenn man die Sprache nicht kann, aber ich habe mein Bestes versucht und es wurde ganz lustig. Da es mir allerdings immer noch nicht so blendend ging, bin ich an diesem Abend schon relativ früh ins Bett gegangen, denn ich wollte ausgeschlafen für die Heimreise sein.

So schnell war’s vorbei!

Diese begann am nächsten Morgen um 10:00 Uhr. Wie bei der Hinfahrt ging es zuerst von Varna nach Sofia und nach einer Nacht von Sofia nach Veszprém. Zur Rückreise lässt sich nicht viel Besonderes erzählen, sie war genau so anstrengend wie die Hinreise. 🙂 In Sofia gab es zum Abendessen Salat, worüber ich mich total gefreut habe. Die Ungarn nicht, sie haben sich gefragt, wo denn das Fleisch bleibt…

Die allerletzte Stunde der Reise im Bus ist mir noch besonders gut in Erinnerung. Und zwar haben wir uns über Gott und die Welt unterhalten, bis mich ein Mädchen gefragt, wo ich denn lieber wohnen würde, in Ungarn oder in Deutschland. Gute Frage, habe ich geantwortet, denn ich kann und will mich auch gar nicht entscheiden. Klar, es gibt viele Sachen, die mich in Ungarn stören, aber mindestens genau so viele Sachen, die ich in Deutschland vermissen werde. Genau so habe ich das gesagt, oder zumindesten auf Ungarisch versucht und ich war erstaunt, wie verständnisvoll die Kinder reagiert haben, als ich aufgezählt habe, was mich in Ungarn stört, zum Beispiel, dass den Schülern in der Schule nicht beigebracht wird, wie man seine eigene Meinung bildet. Zum Schluss, als wir schon kurz vor der Musikschule waren, waren sich alle einig, dass ich doch in Ungarn bleiben soll, es gäbe ja schließlich auch eine Universität in Veszprém. 🙂

Mit diesem wunderbar warmen Gefühl ging dann unsere Reise nach Bulgarien zu Ende. An der Musikschule um 22:00 Uhr angekommen, haben wir den Bus ausgeladen und ich wurde netterweise von jemanden mit dem Auto nach Hause genommen, denn der nächste Bus fuhr erst um 23:30 Uhr. Als ich dann schließlich in meinem Bett lag, dachte ich mir, was es doch für ein Gück ist, dass ich gerade in diesem Orchester spiele und dass es alles passt!

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