Was ist „deutsch“?

Was ist „deutsch“?

„Was, du kommst aus Deutschland?“, „Wow, das ist mein Traumland!“, „Grüß Gott!“, „Was arbeiten deine Eltern?“, „Du siehst auch aus wie eine typische Deutsche.“, „Warst du mal auf dem Oktoberfest?“

So oder ähnlich sind viele Reaktionen, wenn ich sage, dass ich aus Deutschland komme. Dabei kommt so etwas eher nicht von Ungaren, sondern vielmehr von Italienern, Spaniern, Serben, Türken und Polen. Ich vermute, dass liegt daran, dass es in Ungarn – besonders hier am Balaton – nicht besonders ist, etwas mit Deutschland zu tun zu haben. Viele arbeiten in Österreich und Deutschland, haben vielleicht noch deutsche Verwandte, haben Deutsch in der Schule gelernt, arbeiten in der Toursimusbranche oder kommen selbst aus Deutschland.

Hier kommt eine Liste von typischen Vorstellungen von Deutschland, die ich bisher gehört habe:

  • Effizienz
  • Pünktlichkeit
  • teure Autos
  • „der/die/das“
  • viel Geld
  • Angela Merkel
  • „Ich habe meine Hausaufgaben vergessen.“
  • Oktoberfest und Bier
  • Adolf Hitler
  • Donauschwaben
  • Ordentlichkeit
  • „Grüß Gott!“ (Nein, das sagt man nicht dort, wo ich herkomme!)

Effizienz

Irgendwie weiß man ja, dass den Deutschen nachgesagt wird, sie seien immer ordentlich und organisiert, aber so richtig ist mir das erst aufgefallen, als andere Freiwillige von ihren Ländern erzählt haben. Natürlich werden viele Witze über die deutsche Effizienz und Pünktlichkeit gemacht, was manchmal echt nervig ist, aber ich habe gelernt, es nicht zu ernst zu nehmen. Vor allen Dingen, mich selbst nicht zu ernst zu nehmen; etwas, was die Deutschen glaube ich eher schwer fällt.

Teure Autos

Um ehrlich zu sein, stimmt dieser Punkt. Ich finde, in Ungarn ist der Unterschied zwischen der Stadt und dem Land noch viel größer als in Deutschland. Während man in Budapest viele neue oder teure Autos sieht, fahren auf den Dörfern eher die zum dritten Mal verkaufte Opel, Trabbis und aussortierte Autos aus Westeuropa herum. Auf den neuen Stadtbusse in Veszprém beispielsweise kann man manchmal noch den Schriftzug „Frankfurt Meine Stadt“ lesen. Da außerdem viele deutsche Autofirmen Fabriken in Ungarn betreiben, wie z.B. den Produktionsstandort von Audi in Győr, wird Deutschland oft mit Autos assoziiert.

Der, die, das

Ich bin total froh, dass ich kein Deutsch lernen muss! Ist dir mal aufgefallen, wie unlogisch die deutsche Sprache ist? Nicht nur die Artikel, sondern auch die Pluralbildung, warum man das „ie“ in „Ferien“ anders ausspricht als in „kopieren“, die Satzstellung usw. sind unglaublich schwer zu lernen. Natürlich verschwendet man als Muttersprachler überhaupt keinen Gedanken daran und oft bin ich überrascht, wie die Schüler wissen, ob man jetzt „mein“, „meinen“, „meinem“ oder „mir“ benutzt. Trotzdem sprechen die Menschen hier eher Deutsch als Englisch. Die Gründe dafür liegen einerseits in der österreich- ungarischen Vergangenheit und den vielen deutschen Auswanderern, aber auch am Tourismus. Als einstige Begegnungsstätte für Ost- und Westdeutschland, ist um den Balaton Deutsch viel nützlicher als Englisch. Und immer noch kommen viele Touristen aus Deutschland oder haben ihre Ferienhäuser hier. Deswegen ist die zweite Sprache Deutsch. Da habe ich gegenüber Svetlana aus Italien natürlich ein Vorteil. 😉

Viel Geld

Ein weiterer Grund Deutsch zu lernen, ist die Nähe zu Österreich und Deutschland. Weil man dort mehr Geld verdienen kann, arbeiten viele Menschen in Österreich oder Deutschland. Ich glaube 75% der Menschen, die ich kenne, waren schon mal in Österreich oder Deutschland. Wenn ich dann aber erzähle, dass ich aus der Nähe von Hannover komme, sind die meisten ein bisschen enttäuscht, weil alle nur Süddeutschland kennen. 😀

Doch nicht nur im Vergleich zu Ungarn ist das deutsche Gehalt hoch, sondern auch im Vergleich zu vielen anderen Ländern. Junge Menschen aus Serbien, der Türkei und Polen haben mir erzählt, dass Deutschland ihr Traumland wäre und sie gerne dort arbeiten möchten. Allgemein wird Deutschland im Ausland hoch angesehen.

Adolf Hitler

Die nationalsozialistische Vergangenheit gehört nun mal dazu. Ich finde es ziemlich interessant, wie die verschiedenen Leute aus anderen Ländern auf verschiedene Art und Weise mit diesem Thema umgehen. Für mich ist es gar kein Tabu, denn von der zehnten bis zur zwölften Klasse haben wir alles um den zweiten Weltkrieg fünfmal durchgekaut und ich kann darüber ganz normal und offen sprechen. Umso mehr finde ich es spannend, wie andere Menschen herumdrucksen und mich sichtlich unwohl fragen, was ich denn darüber denke. Umso erleichterter sind sie dann, wenn ich antworte, dass das Thema für mich kein Problem ist. Der Grund dafür ist wahrscheinlich der zeitliche Abstand. Trotzdem bin ich manchmal erschrocken, wie wenig andere Leute über den Zweiten Weltkrieg inkl. Ursachen und Folgen wissen, oder wie verzerrt ihr Bild davon ist. Im Vergleich zu anderen Ländern ist das deutsche Schulsystem meiner Meinung nach ziemlich modern, beleuchtet beide Seiten und bringt den Schülern bei, selbst nachzudenken und zu hinterfragen.

Organisation und Struktur

Der Grund, warum ich diesen Blogeintrag schreibe ist, weil ich vor einigen Tagen eine Mail vom deutschen Auswärtigen Amt bezüglich der anstehenden Europawahl bekommen habe. In der E-Mail wurde erklärt, wie ich als wahlberechtigte Deutsche im Ausland wählen kann. Darüber war ich sehr erstaunt, dass überhaupt an mich gedacht wird. Außerdem gibt es die elektronische Krisenvorsorgeliste des Auswärtigen Amtes (ELEFAND), in der sich alle im Ausland lebenden Deutschen eintragen können. Im Falle einer Krise kümmert sich dann das Auswärtige Amt um einen und ich finde das sehr strukturiert und beachtenswert. Da mag die ganze Organisation und deutsche Bürokratie manchmal noch so nervig sein, sie hat doch ihre Vorteile!

Und ich muss sagen, dass ich in diesem Punkt doch ganz froh bin, aus Deutschland zu sein, wo man z.B. sicher sein kann, dass der Bus auch fährt, wenn es auf dem Fahrplan steht. Oder dass man nicht 500€ mit ins Krankenhaus nehmen muss. Oder dass die Verfassung nicht einfach mal so geändert werden kann.

Meine Beobachtungen

Während meiner Zeit hier sind mir noch weitere „deutsche“ Merkmale aufgefallen:

Deutsche Menschen können noch so ordentlich und pünktlich sein, noch so viel Geld verdienen und schlau sein, Party machen können sie nicht gut. Während insbesondere Menschen aus Südamerika zu jeder Zeit ausgelassen feiern können und sich das Leben dort größtenteils draußen auf der Straße abspielt, brauchen deutsche Leute erst einmal zwei Stunden und Alkohol, um in Feierlaune zu kommen. Statt herzlich und überschwänglich, sind die meisten in Deutschland eher zurückhaltend und ernst. Das finde ich etwas schade, da oft vergessen wird, dass, wer nicht genießt, ungenießbar wird. 😉

Und dann ist da noch das Nationalgefühl. Vielleicht liegt das an der deutschen Geschichte, aber so stark wie das Nationalgefühl in Frankreich, Portugal und Spanien habe ich es ihn Deutschland noch nicht erlebt. Das kann vielleicht an der Zeit in der ich lebe liegen, in der das Wohl des eigenen Landes zugunsten von Vereinigungen und Bündnissen zurückgestellt wird. Und meiner Meinung nach, ist das auch in Ordnung, da Probleme im Alleingang nur schlecht gelöst werden können. Von mir selber würde ich sagen, dass ich kein starkes Nationalgefühl habe. (Nicht zu verwechseln mit Heimatgefühl) Ich würde zum Beispiel nie die deutsche Nationalhymne im Ausland auf der Straße singen. Von mir aus muss es auch nicht „schwarz, rot, gold“ sein, sondern gerne auch „lila, orange, beige“ oder Regenbogenfarben. Ich fühle mich nicht mit allen Deutschen verbunden, nur weil wir auf demselben Flecken Erde leben. Vielmehr verbindet meiner Meinung nach die Sprache und deutsch wird schließlich auch im Ausland gesprochen. Natürlich fühle ich mich Deutschland irgendwie zugehörig, aber nicht so stark wie beispielsweise die Spanier oder Ungarn es fühlen. Es ist interessant darüber nachzudenken, warum und wie man sich irgendetwas zugehörig fühlt.

Was ist also „deutsch“?

Ich glaube, eine klare Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Jeder definiert es für sich selbst anders und mit der Zeit ändern sich die Ansichten. Deutsche definieren „deutsch“ ganz anders als Italiener, Chinesen oder Amerikaner. Für ältere Menschen steht „deutsch“ für etwas anderes als junge Menschen. Vielleicht ist die Frage, was ist „deutsch“ auch „typisch deutsch“?

Auf jeden Fall ist es ein ganz interessantes Thema, über das ich vor meinem Freiwilligendienst noch gar nicht nachgedacht habe. Aber auch im Hinblick auf die Flüchtlingskrise und die Integration ist die Frage nach der Definition von „deutsch“ sehr aktuell. Leider übertreiben es manche Rechtspopulisten ein wenig mit der deutschen Kultur und nehmen sich selbst zu ernst. Ich finde, „deutsch“ ist nichts Fixes, sondern hat viele Formen und Farben und ist wandelbar. Aber definieren kann ich es (bis jetzt noch) nicht. Doch vielleicht ist das auch gar nicht nötig.

Wenn du jetzt neugierig geworden bist, dann gibt’s hier eine interessante Reportage auf Deutschlandfunk und hier was Ausländer über Deutschland denken.

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