Week 22 – Song 39: 21, 22, 23

Week 22 – Song 39: 21, 22, 23

Eine Reportage über das Lebensgefühl meiner Generation

Und du wirst 21, 22, 23
Du kannst noch gar nicht wissen, was du willst

AnnenMayKanrereit in „21, 22, 23“

Fragt man unter Abiturienten, was sie nach dem Abitur machen wollen, ist bei den meisten ein Schulterzucken die Antwort. Vielleicht noch die wage Antwort wie „erstmal Reisen“ oder „mal schauen, eventuell ein Praktikum oder so“, aber die wenigsten wissen konkret, was sie wollen. Mittlerweile ist es eher die Ausnahme, direkt nach der Schule zu studieren, es sei denn, man weiß schon seit der Grundschule, dass man Tierarzt werden möchte.

Aber die meisten Jugendlichen „dümpeln“ vor sich her. Soll ich studieren? Wenn ja, was? Oder doch lieber eine Ausbildung? Ein duales Studium klingt doch auch ganz gut? Ich würde ganz gerne ins Ausland, vielleicht mache ich dann einen Freiwilligendienst… Oder soll ich doch lieber arbeiten, um später um die Welt zu reisen? Hilfe wird dann meistens im Internet, dem Reich der unendlichen Informationen gesucht. Hier stößt man auf noch mehr Interessantes und Liste der Möglichkeiten wird immer länger. Man muss sich nur noch entscheiden. Das ist das Problem.

Entscheiden heißt verzichten. Und verzichten kann meine Generation überhaupt nicht gut. Wir haben nie gelernt zu verzichten. Im Supermarkt gibt es rund um das Jahr Bananen und Avocados und dank des Smartphones können wir überall zu jeder Zeit sein. Die ständige Angst, etwas zu verpassen, lässt uns von Chat zu Chat springen, um sofort reagieren zu können. In einer Welt, die sich rasant verändert müssen wir immer auf dem neuesten Stand sein. Wir sind in einer Zeit aufgewachsen, in der eine Krise die andere jagt. Die Euro-, Finanz- und Schuldenkrise, die Umwelt- und Klimakrise, das weltweiten Auseinanderdriften von Arm und Reich und ganz aktuell das Bestreben der älteren nach nationaler Stärke. „Es ist eine Zeit der großen Unsicherheit“, sagt die die britische Ökonomin Noreena Hertz[1]. Die alten Regeln und Gewohnheiten verschwinden zunehmend und Flexibilität ist das, worauf es ankommt. Dadurch entsteht Druck, sich anzupassen, um ja nichts zu verpassen. Doch bei all dem Anpassen vergessen wir, was wir eigentlich wollen.

Wenn wir das Datum der Französischen Revolution wissen wollen, fragen wir Google. Wenn wir wissen wollen, wann Freddie Mercury gestorben ist, fragen wir Google. Wenn wir wissen wollen, wie lange Eier kochen müssen, fragen wir Google. Informationen alleine sind heutzutage nichts mehr wert, da jeder auf sie zugreifen kann. Vielmehr zählt der Umgang mit diesen Informationen. Doch wen fragen wir, wenn wir wissen möchten, was wir im Leben wollen?

In einer Jugendstudie des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Nukleare Sicherheit (BMU) 2017 antworten 65% der befragten 14- bis 22-jährigen auf die Frage, welche Werte ihnen wichtig sind, dass sie das Leben in vollen Zügen genießen wollen.[2] Doch wie genau, das wissen die meisten nicht. Allerdings steht auf Platz Nummer eins der Antworten auf die Frage: „Jeder Mensch hat ja bestimmte Vorstellungen, die sein Leben und Verhalten bestimmen. Wenn Du einmal daran denkst, was Du in Deinem Leben eigentlich anstrebst: Wie wichtig sind dann die folgenden Dinge für Dich persönlich?“ nicht „das Leben in vollen Zügen genießen“, sondern „einen Partner haben, dem man vertrauen kann“ mit 78%[3]. Bei all der Ungewissheit und einer Gesellschaft, die sich mit Facebook, Instagram und Snapchat immer weiter von einer richtig sozialen Gesellschaft also ein Bedürfnis nach einer verlässlicher persönlicher Beziehung.

Doch zurück zur Frage, was mir im Leben wichtig ist. Dieselbe Studie des BMUs zeigt, dass den befragten Jugendlichen das Reisen und Abenteuer erleben mit 46% am wichtigsten ist. Erstaunlicherweise steht „die neueste Technik (z. B. bei Computer oder Smartphone) zu haben“ an siebter Stelle und somit sechs Plätze hinter dem Reisen. Dieses Ergebnis deckt sich auch mit dem, was ich bisher von meinen Mitfreiwilligen und anderen jungen Leuten gehört habe. Alle wollen gerne die Welt bereisen und mich Billigflügen und Hotels in jeder Stadt ist es auch möglich.

Den privilegierten Jugendlichen wie mir steht nach dem Schulabschluss die Welt offen. Wie oben gesagt ist diese Grenzenlosigkeit ein Segen und zugleich ein Fluch. Man möchte gerne alles auf einmal machen. Psychologie klingt interessant, irgendetwas mit Medien aber auch und als Lehrer sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt gut. Obwohl man sich nicht entscheiden kann, fängt man dann aber trotzdem etwas z.B. ein Studium an, aus Angst zu spät zu beginnen und etwas zu verpassen. Ob einen das Fach interessiert oder nicht ist erstmal zweitrangig.

Und wenn ich dich dann frage, was du werden willst
Sagst du immer nur „Ich weiß nicht. Hauptsache nicht Mitte 30
Hauptsache nicht Mitte 30″

Dieses Zitat aus dem Lied „21, 22, 23“ von der deutschen Rock- und Popband AnnenMayKantereit trifft das Lebensgefühl meiner Generation sehr gut. Denn neben der Unwissenheit über das eigene Leben steht noch die Angst vor dem Erwachsenwerden. Mit 18 Jahren (aber nicht mehr lange) kann ich das schwer nachvollziehen, aber viele meiner Mitfreiwilligen wollen nicht älter werden aus Angst, ihre Unabhängigkeit zu verlieren. Man möchte sich nicht an etwas Festes, wie zum Beispiel einen Ehepartner oder einen festen Wohnort binden. Lieber möchte man allzeit bereit sein, um die nächste Möglichkeit beim Schopfe zu fassen.

Doch bei all der Anpassung und dem Hinterherrennen vergessen wir oft, was uns im Leben wichtig ist. Wir vergessen auch, dass die Antwort darauf nur in uns selber zu finden ist und nicht im Internet. Außerdem braucht es Zeit, sie zu finden. Es ist auch okay, wenn man sie erst mit Mitte 30 findet.


[1] https://www.zeit.de/2017/09/generation-k-jugendliche-zukunft-angst-grossbritannien-usa/komplettansicht 26.05.2018

[2] https://www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Pools/Broschueren/jugendstudie_bf.pdf Seite 15, 26.05.2019

[3] https://www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Pools/Broschueren/jugendstudie_bf.pdf Seite 41, 26.05.2019

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