Wem Gott will rechte Gunst erweisen

Wem Gott will rechte Gunst erweisen

„Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt.“ Das Gedicht aus Eichendorffs „Aus dem Leben Taugenichts“ mit dem dazugehörigen Volkslied dürfte den meisten Deutschen bekannt sein. Wer keine Volkslieder mag, der hat die Novelle  dann bestimmt in der Schule durchnehmen müssen, in meinem Deutschunterricht kam es auf jeden Fall vor. 🙂

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
den schickt er in die weite Welt,
dem will er seine Wunder weisen
in Berg und Wald und Strom und Feld.

Die Trägen, die zu hause liegen,
erquicket nicht das Morgenrot,
sie wissen nur von Kinderwiegen,
von Sorgen, Last und Not ums Brot.

Die Bächlein von den Bergen springen,
die Lerchen schwirren hoch vor Lust.
Was soll' ich nicht mit ihnen singen
aus voller Kehl'und frischer Brust?

Den lieben Gott laß ich nur walten.
Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
und Erd' und Himmel will erhalten,
hat auch mein' Sach'aufs Best' bestell

Vielleicht weil es so positiv und fröhlich ist, mag ich das Gedicht bzw. das Volkslied sehr. Wenn die Sonne scheint, die Natur draußen grünt und blüht, dann muss ich oft wie aus dem Nichts an das Lied denken. Zum Beispiel heute, als ich eine sehr schöne Fahrradtour gemacht habe.

Nationalpark Balaton-Oberland

Es ist ziemlich glücklich, dass Nagyvázsony nicht weit entfernt vom Gebiet des Nationalparkes Balaton-Oberland (Balaton-felvidéki Nemzeti Park) liegt. Erst mit Beginn des Frühlings (und damit auch der Outdoor Aktivitäten) habe ich den Nationalpark wahrgenommen. Er erstreckt sich vom Kis Balaton im Westen des Balatons bis hin zur Halbhinsel Tihany und kümmert sich um die Erhaltung der Natur am Balaton. Durch den Tourismus ist die Natur direkt am Seeufer weitesgehend wieder künstlich angelegt worden, aber ein paar Kilometer weiter weg vom Ufer und abseits der Weingärten, bewahrt der Naturpark echte pannonische Landschaft. Sehr angenehm ist die gute Internetpräsenz des Nationalparks, sogar auf deutsch, die es erleichtert, einzelne Attraktionen zu finden. https://bfnp.hu/de

Auf das Ziel meiner heutigen Fahrradtour bin ich durch ein Prospekt des Nationalparkes gestoßen. Als ich mit meinen Eltern in der Seehöhle in Tapolca war, (die übrigens ebenfalls Teil des Nationalparkes ist) habe ich ein kleines Prospekt bekommen, mit dem man in zwei weiteren Attraktionen des Nationalparkes ermäßigten Eintritt hat. Neben anderen Highlights war dort auch der Berg Hegyestű aufgeführt, der nicht weit von Zánka am Balaton ist.

Leider ist das Problem mit solchen Naturattraktionen immer die Anfahrt ohne Auto. Wenn die Attraktion nicht gerade an einer Hauptstraße oder auf einer Buslinie liegt, ist es fast unmöglich, dorthinzukommen. Und dann ist es auch die Frage, ob man für einen Berg zwei bis drei Stunden Busfahrt auf sich nehmen möchte…

Doch zum Glück liegt der „Hegyestű Geológiai Bemutatóhely“ („Hegyestű Geologischer Schauplatz“) gar nicht so weit weg von Nagyvázsony, wenn man quer durch den Wald fährt. Und da wir heute nichts weiteres geplannt hatten und ich gerne eine andere Fahrradtour als nach Zánka zum Balaton und zuück machen wollte, habe ich mich heute Nachmittag kurzerhand entschlossen, dorthin zu fahren.

Mit der Outdoor-App Komoot habe ich die Tour geplant, sodass ich eine kleine Navigationshilfe hatte und meine Tour nicht wie sonst im Nirwana endete. Ich war allerdings nah dran. 🙂 Das Problem ist, das die App manche Wege als fahrradtauglich bezeichnet, die entweder Wanderwege sind, oder durch Regen und Waldmaschinen kaputt gemacht worden sind. Ich kann mich noch gut an das letzte Mal erinnern, als ich die Hälfte der Tour das Fahrrad geschoben habe, weil es für den steinigen Wanderweg nicht gemacht ist, schließlich ist es ein Tourenfahrrad mit dünnen Reifen.

Dieses Mal war es ein wenig besser, das lag allerdings daran, dass die fahrraduntauglichen Wege meist bergab führten. Ich bin froh, dass das Fahrrad noch ganz ist und die Reifen bisher noch nicht platt sind. 🙂

Zuerst bin ich also den altbekannten Weg in Richtung Kapolcs gefahren, allerdings vorher in den Wald eingebogen. Ich bin an einer Waldschule (sehr interessant) under einer 100-jährigen Eiche vorbeigekommen und große Teile des Weges verliefen auf der Blauen Fernwandertour. Im Gegensatz zu Deutschland braucht man hier nur 20 Minuten, um kein Haus oder Strommast mehr sehen zu können, sondern nur Wald und Wald und Wald und Wald. Das finde ich ganz schön. Irgendwann wurde ich dann von einer super, neu geteerten Straße überrascht, über die ich mich nach einem sehr steinigen und kaputten Weg sehr gefreut habe.

Nachdem ich den Ort Monoszló passier habe, kam auch schon die Ausschilderung zum Hegyestű Berg. Der Weg dorthin war sehr steil, wie für einen Berg anzunehmen war, aber nach 15 Minuten war ich oben. Für den Berg muss man Eintritt von 800 HUF zahlen, was ich natürlich nicht gut finde, aber damit unterstützt man ja den Nationalpark. Außerdem ist es das auch wert, da der Berg interessant ist und auch überall Erklärungstafel stehen. Wie so oft, wurde hier auch fleißig mit EU-Fördermitteln gebaut, sodass die Erklärungen dankenswerterweise auch auf Englisch sind.

Aufgrund der Touristensaison waren auch einige deutsche Besucher dort und es war amüsant, ihre Gespräche verstehen zu können… Nach der tollen Aussicht vom Berg aus bin ich wieder den Rückweg angetreten. Vom Berg aus ging es ein Stück auf dem Pannorama Radweg am Balaton entlang. Auch hier waren die Wege anfangs nicht gerade in einem fahrradtauglichen Zustand, was mich angesichts der Beschilderung gewundert hat. Nichts desto trotz war der Weg oberhalb des Ufers und durch die Weingärten super, da die Aussicht auf den Balaton sehr schön war. Zudem habe ich mich über all die Früchte am Wegesrand gefreut, leckere Brombeeren, Äpfel, Pflaumen, Marillen und Kirschpflaumen. Schließlich ist der Weg auf der Straße von Zánka nach Tagyon gemündet, den Weg, den ich immer zum Balaton fahre. Von dort aus kannte ich die Strecke und da es zum Glück nicht so heiß wie in den letzten Wochen war, war der Anstieg nicht so anstrengend.

Nach 2:15 Stunden war ich dann ein wenig erschöpft, aber guter Laune wieder zu Hause. Gerade im Frühling und Sommer bin ich echt froh, dass mein EVS Projekt hier in Ungarn in einem Dorf ist und nicht in einer Stadt. Mit ist aufgefallen, dass die meisten Projekte in Städten z.B. Budapest, Pécs oder Debreccen sind und die wenigsten in einem kleinen Dorf wie Nagyvázsony. In der Stadt ist natürlich immer was los, die Wege sind kurz und man kann abends mal in eine Bar gehen. In Nagyvázsony schließen die Supermärkte um 17:30 Uhr, in der einzigen Kneipe sitzen nur Männer bis zur nächsten Stadt dauert es 30-40 Minuten. Doch bis zum Wald sind es fünf Minuten, in der Nacht kann man die Sterne sehen, man grüßt sich auf der Straße, wenn man mal alleine sein möchte, geht man einfach raus und die Postbotin kennt mich bei Namen. In Deutschland bin ich auch in einem Dorf aufgewachsen, worüber ich sehr dankbar bin und während den letzten Monaten habe ich herausgefunden, dass ich das Leben auf dem Dorf bevorzuge. Ich bin eben ein Dorfkind. 🙂

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