Studentenleben in Zeiten von Corona… ohne Party

Studentenleben in Zeiten von Corona… ohne Party

Ich muss zugeben: es war nicht nur mein Interesse an europäischer Politik und Kultur sowie die Lust auf mehr Wissen, die mich zu einem Studium bewegt haben, sondern auch die Erzählungen von älteren Studierenden, die von WG-Partys, lustigem Grillen auf der Wiese nach der Vorlesung, die gemeinsame Mittagspause in der Mensa, dem vielfältigen Angebot des Hochschulsports oder Glühwein in der Vorlesung berichtet haben. Die vermeintlich „besten Jahre“ und das wilde Studentenleben, bevor der Ernst des Lebens „so richtig“ losgeht (obwohl der ja angeblich schon in der Grundschule angefangen hat).

Doch dann kam Corona und übrig bleibt der Professor auf dem Bildschirm in meinem Zimmer.

Kaum zu glauben, dass es erst ein Jahr her ist, dass ich unbeschwert täglich in der Universität ein- und ausging, montags Tuba in der Studentenkneipe spielte und mich abends mit Freunden getroffen haben. Wenn ich mir heute Fotos davon anschauen, muss ich unweigerlich denken, dass die Leute dort aber nicht den Mindestabstand einhalten! Übrig blieben die Zoom Treffen, bei denen zwar Informationen übermittelt werden, aber der Rest irgendwo in der Leitung hängen bleibt.

Selbstoptimierung

Hinzu kommt der große Druck, sein Leben und sich selbst zu optimieren, wie es uns Instagram, Facebook & Co. Jahrelang vorgespielt hat. Daraus entsteht ein hoher Anspruch an sich selbst: sich neben dem Studium sozial zu engagieren, in den Semesterferien an die Instagram Hotspots dieser Welt zu reisen, jede Klausur zu bestehen und zwischendurch noch ein Praktikum einzuschieben, um die perfekte Karriere und das perfekte Leben zu erlangen. Allein in seinem Zimmer zu sitzen, wobei der Spaziergang in der Stadt das einzige Highlight ist, ist so ziemlich das Gegenteil davon.

Bitte nicht falsch verstehen! Viele Menschen trifft die Corona Pandemie viel härter und ich bin sehr dankbar, nicht meinen Job verloren zu haben, nicht zwischen Homeschooling und Notbetreuung entscheiden zu müssen, nicht wie Angehörige der Risikogruppen Angst haben zu müssen, sobald dich das Haus verlasse und auch irgendwann die Chance auf eine Impfung zu haben. Doch es gibt einen Unterschied: Wir, die Generation der Millenials legen in dieser Zeit gerade die Grundsteine für unser zukünftiges Leben. Was wir jetzt tun, wird sich später stark auf den Großteil unserer Zukunft auswirken. Kein Wunder, wenn einige sich so fühlen, als würden sie ihrer Zukunft beraubt.

Auf der anderen Seiten darf natürlich die große, zum Teil staatliche Unterstützung nicht unerwähnt bleiben. Für Studierend, die in finanzielle Not geraten sind, gibt es Überbrückungshilfen, Fristen werden verlängert und sogar das Nichtbestehen von Klausuren wird in manchen Fällen nicht gewertet. Auch bringt das Online Studium einige Vorteile mit sich: es ist nicht mehr notwendig, schon um 8:00 Uhr am Morgen im Hörsaal zu sitzen, man ist zeitlich sehr flexibel ,(womit man auch sehr gut umgehen können muss) man kann an Veranstaltungen teilnehmen, an denen man sonst nie teilgenommen hätte, weil sie in Berlin oder Bonn stattgefunden hätten und es ist egal, ob ich in meinem Zimmer, bei meiner Familie oder im Wald sitze. Dennoch, der Austausch mit den Kommilitonen fehlt, die Motivation ist schneller weg und das lange Sitzen tut dem Rücken auch nicht gut. Von meinen drei Semestern war ich bisher ein Semester davon in der Uni. Kann ich dann noch behaupten, richtig studiert zu haben?

Was wäre, wenn?

Oft denke ich, was ich im letzten Jahr ohne Corona gemacht hätte? Welche Menschen hätte ich kennen gelernt? Welche Konzerte hätte ich besucht? Welche WG-Party wäre eskaliert? An welchen Seminaren hätte ich teilgenommen? Welche Möglichkeiten hätte ich gehabt? Hatte ich im Sommer letzten Jahres noch gedacht, dass ich all die Dinge, die ich gerne tun würde, im nächsten Jahr, wenn die Corona Pandemie vorbei ist, tun kann, halte ich mir mittlerweile die Realität vor Augen. Bis ich wieder unbeschwert reisen kann, an Seminaren teilnehmen kann und in Hörsälen zusammen mit 400 anderen Studierenden sitzen kann, wird es wohl noch mehrere Jahre dauern. Doch dann werde ich wohl auch nicht mehr im Hörsaal sitzen. Außerdem kann niemand garantieren, dass sich nicht eine andere Virus Art oder die Corona-Mutante erneut ausbreitet.

Zeit und Corona stehen in einem paradoxen Verhältnis. Einerseits haben uns die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus, das Absagen von Veranstaltungen und das Homeoffice viel freie Zeit beschert, in der viele Menschen etwas Neues ausprobiert und gelernt haben, aber andererseits hat Corona uns auch die Zeit gestohlen. Es ist schwer, sich nicht über all die verpassten Möglichkeiten zu beschweren, aber was nützt es uns?

Immerhin, während es zu Beginn der Einschränkungen nur wenig Online-Ersatzveranstaltungen gab, die meist noch eher langweilig waren, ist es erstaunlich, wie schnell daraus gelernt wurde, es wurden Konzepte für interaktive Zoom-Meetings erstellt und man kann nun sogar virtuell Museen oder Messen besuchen. Erstaunlich auch, wie schnell man sich an das Maskentragen, Abstandhalten und Online-Stammtische gewöhnen kann. Doch das Fehlen von gemeinsamen Abenden, Menschen in echt treffen, das bedankende Lächeln beim Türaufhalten und unvergessliche Reiseerlebnisse, daran kann ich mich nicht gewöhnen. Wenn ich ehrlich bin, will ich das auch gar nicht. Und zur allgemein resignierten Stimmung trägt außerdem das Wissen, als letzte Bevölkerungsgruppe geimpft zu werden, bei.

Also, was tun? Auf die Straße gehen und demonstrieren geht nicht, auf Online hat keiner mehr Lust. Dann einfach still und leise weiter lernen? Die meisten machen das. Mit der Hoffnung, dass man dann irgendwann wieder im Hörsaal sitzen kann, in der überfüllten Mensa essen kann und sich abends mit Freunden treffen kann.

Hier gibt’s mehr

Nicht nur ich habe über das Studentenleben während der Corona-Pandemie geschrieben, sondern auch viele andere. Hier eine kleine Auswahl:

https://www.zeit.de/campus/2021-02/studieren-corona-krise-lockdown-einsamkeit-universitaeten-massnahmen

https://www.sueddeutsche.de/muenchen/coronavirus-muenchen-studenten-semesterstart-1.4881247

https://www.zdf.de/nachrichten/politik/corona-studium-webcam-100.html

Ein Gedanke zu „Studentenleben in Zeiten von Corona… ohne Party

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